Die Grenzen planetarer Grenzen

Planetare Grenzen sind eines der einflussreichsten Konzepte im heutigen Nachhaltigkeitsdiskurs. Die zwei Hauptpublikationen des Autor*innen-Teams um Johann Rockström und Will Steffen (Rockström et al 2009; Steffen et al 2015) wurden über 3,5 bzw. über 4 Tausend mal zitiert. Planetare Grenzen waren die konzeptionelle Grundlage des 2011er WBGU-Gutachtens Welt im Wandel und wurden durch Kate Raworths Donut-Ökonomie zusätzlich popularisiert. Doch wie so häufig mit so populären Ideen sind auch die planetaren Grenzen kritisch zu beäugen.

Zunächst kurz zu dem Konzept der planetaren Grenzen: vorgestellt 2009 und verfeinert 2015, versucht es die wichtigsten globalen Umweltherausforderungen zu verknüpfen, um eine „safe operating space for humanity“, einen „sicheren Aktionsraum für die Menschheit“ zu bestimmen. Die Gruppe um Rockström und Steffen identifizierte 10 planetare Grenzen (s. Abbildung unten) und bestimmte jeweils einen „sicheren“ sowie einen „riskanten“ Bereich hinsichtlich der Nutzung des betreffenden globalen Umweltgutes. Nicht alle planetaren Grenzen konnten quantifiziert werden; bei einigen ist dies gelungen. In der aktuellen Version aus Steffen et al 2015 sind dies: 350 ppm CO2 (Klima; die Ozeanversauerung ist direkt an diese planetare Grenze geknüpft), 275 Dobson-Einheiten O3 (Ozon), Biodiversity Intactness Index von 90% (Biosphäre), 11 Tg (Teragramm) in die Ozeane ausgewaschener Phosphor pro Jahr sowie 62 Tg Stickstoffausbringung pro Jahr (Biogeochemie), 4000 km3 Frischwassernutzung pro Jahr (Wasser), biomspezifische Bedeckungsanteile von Wäldern relativ zu ihrer potenziellen Ausbreitung (Landnutzung). Diese Grenzen, die teilweise bereits überschritten wurden, gilt es laut Rockström & Co. langfristig einzuhalten, um globale Nachhaltigkeit zu garantieren.

Ins Deutsche übersetzte Darstellung der planetaren Grenzen aus Steffen et al (2015); Quelle: Wikimedia Commons.

Was manchen als eine große Stärke des Konzepts der planetaren Grenzen erscheint, nämlich seine vermeintliche naturwissenschaftliche Objektivität, ist eigentlich seine größte Schwäche. Denn der Referenzpunkt ist die Überlebensfähigkeit des Menschen – bevor wir es schaffen, den Planeten als solchen nachhaltig zu schädigen, beseitigen wir uns selbst, indem wir ihn für uns unbewohnbar machen. Doch genau diese Unbewohnbarkeit kann man kaum objektiv, anhand rein biophysikalischer Kriterien feststellen. Und das gleich aus mehreren Gründen. Erstens, was „bewohnbar“ heißt ist subjektiv. Sogar ein Konzept wie Grundbedürfnisse lässt sich kaum rein objektiv definieren, wie ein paar Kollegen und ich vor einer Weile argumentierten – selbst „essentielle“ Güter müssen (bevorzugt) deliberativ identifiziert und verhandelt werden. Zweitens, der Zusammenhang zwischen den planetaren Grenzen und den tatsächlichen Konsequenzen ihrer Überschreitung ist inhärent unsicher. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das viel diskutierte 2°C-Ziel beim Klimaschutz. Wir glauben, auf Basis vorhandener wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass die Überschreitung dieses Referenzwerts der globalen Erwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit nicht wünschenswert ist. Doch obgleich dieses Ziel wissenschaftsbasiert bzw. -informiert ist, ist es mitnichten wissenschaftlich, sondern politisch. Denn um es festzulegen, muss man eine politische Entscheidung treffen, welche möglichen Effekte des Klimawandels „zu viel“ wären und wie wahrscheinlich sie sein dürfen, damit wir noch bereit sind, das Risiko ihres Eintretens hinzunehmen. Genauso ist es mit den anderen planetaren Grenzen: es handelt sich hierbei eigentlich um keine objektiv wahren, in Stein gemeißelten Ziele, sondern vielmehr um politische Entscheidungen. Dem werden die Autor*innen teils gerecht, indem sie „Unsicherheitsbereiche“ für jede planetare Grenze definieren. Doch im Falle der planetaren Grenzen passierte ihre Festlegung nicht im Kontext eines demokratischen, politischen Prozesses, sondern technokratisch, durch eine kleine Gruppe von (wohlmeinenden) Wissenschaftler*innen. Also letztlich willkürlich, sowohl hinsichtlich der Festlegung von Grenzwerten als auch der Auswahl der relevanten Ziele.

Diese Kritik wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Ziele global sind, was zweierlei Komplikationen mit sich bringt. Erstens, auf dieser Skala ist der Zusammenhang zwischen den Zielen und den mit ihnen einherzugehen geglaubten Effekten noch unsicherer, als wenn es sich um lokale/regionale Zusammenhänge handelte. Ebenso unsicher sind die notwendigen Handlungen, um innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben – über diese haben die Autor*innen auch nichts zu sagen bzw. als sie den Versuch unternahmen, praktische und politische Konsequenzen des Konzepts zu formulieren, sind sie kläglich gescheitert. Zweitens, globale Betrachtungen dieser Art ignorieren zwangsläufig räumliche Verteilungseffekte: auch wenn Steffen et al bei manchen Zielen grob zwischen Weltregionen unterscheiden, ist dies viel zu wenig. Denn Klimawandel, Stickstoffüberschüsse, Biodiversitätsverluste haben räumlich heterogene Muster und ebenso ungleichverteilte Konsequenzen – die nicht nur von natürlichen Gegebenheiten abhängig sind, sondern gerade auch von der Vulnerabilität der lokalen Bevölkerung und von ihrer Fähigkeit, sich an Umweltwandel anzupassen.

Womit wir zu einem letzten Kritikpunkt kommen, den die beiden politischen Philosophen John Dryzek und Jonathan Pickering in ihrem Buch The Politics of the Anthropocene formulieren. Das Konzept der planetaren Grenzen ist statisch und orientiert sich zudem, wie Dryzek und Pickering betonen, an Referenzwerten aus dem Holozän. Wie Steffen et al selbst zeigen, ist der globale Umweltwandel bereits sehr fortgeschritten – die in den planetaren Grenzen implizierten Referenzwerte sind nur noch bedingt relevant. In Dryzeks und Pickerings Worten:

Rockström et al. (2009) want planetary boundaries to be set at levels that would maintain Holocene conditions. This understanding of planetary boundaries shows how to resist the onset of the Anthropocene, but does not tell us much about what to do once we are in the Anthropocene in a major way.

Dryzek & Pickering (2019), S. 8

Es ist naiv, so Dryzek und Pickering, anzunehmen, dass die Welt in absehbarer Zukunft wieder einen Zustand relativer Stabilität erreicht. Damit helfen uns statische Konzepte, seien sie evaluativ (wie planetare Grenzen), normativ oder politisch–institutionell, wenig. Stattdessen bedarf es Reflexivität: die einzige Konstante in gesellschaftlichen Institutionen und Prozessen sollte die Bereitschaft sein, die eigenen gesellschaftlichen Werte, Ziele, Lösungsansätze und politischen Prozesse zu hinterfragen und an veränderte Gegebenheiten anzupassen. Dafür ist das Konzept der planeteren Grenzen wenig geeignet, wegen seiner Statik genauso wie wegen seiner recht technokratischen Natur. Des Weiteren ignorieren derart statische Konzepte, dass Menschen enorm anpassungsfähig und innovativ sind – ein Fehler, den bereits Thomas Malthus einst machte. Auch dadurch verschieben sich ständig unsere Bedürfnisse, Ziele und Lösungs- bzw. Optionsräume.

Was heißt da all das nun für die planetaren Grenzen? Sind sie nutzlos? Keineswegs. Sie können sehr hilfreich sein, um die Multidimensionalität globaler Umweltherausforderungen zu verdeutlichen. Es sind eben nicht nur das Klima und die biologische Vielfalt, sondern auch zahlreiche andere Umweltprobleme. Zudem könnte das Konzept genutzt werden, um die Trade-offs und Konflikte zwischen den Zielgrößen bzw. zu weiteren Zielgrößen z. B. aus dem Dunstkreis der Sustainable Development Goals (SDGs) zu untersuchen – was meines Wissens noch niemand gemacht hat. Auch können die planetaren Grenzen genutzt werden, um den Beitrag einzelner Sektoren oder Staaten zu den globalen Umweltherausforderungen zu ermitteln – wie Campbell et al dies für die Landwirtschaft gemacht haben. Doch sollten planetare Grenzen nicht als politische Ziele missverstanden werden. Sie können ein wertvoller Input zu politischen Prozessen sein, in denen wir uns darauf einigen, welche Umweltschäden wir nicht riskieren möchten. Sie dürfen diese politischen Prozesse jedoch nicht ersetzen.

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