Elsevier und die Notwendigkeit kollektiver Lösungen

Aufgrund der vorerst gescheiterten Verhandlungen des DEAL-Verbundes deutscher Forschungsorganisationen mit dem niederländischen Verlagsgiganten Elsevier hat man als Forscherin in Deutschland derzeit keinen Zugang zu Elsevier-Inhalten, die 2018 und 2019 veröffentlicht wurden. Man kommt zwar weiterhin über Fernleihe, Repositorien sowie weniger legale Alternativen an die gewünschten Publikationen heran. Doch der Konsens in der Wissenschafts-Community ist, dass Elsevier ein Problem ist – als Ausdruck der Unterstützung der Open-Science-Ziele sowie als Druckmittel gegen Elsevier entscheiden sich daher viele für zahlreiche Formen des Boykotts. Dabei stößt man als Einzelner jedoch auf Grenzen, wie ich gerade.

Kurz zur Vorgeschichte: die Idee hinter DEAL ist, dass deutsche Forschungsorganisationen (Universitäten, Forschungsinstitute und -zentren…) sich zu einem Verbund zusammengetan haben, um mit den großen Wissenschaftsverlagen Elsevier, Springer und Wiley bundesweite Lizenzverträge abzuschließen. Diese Verträge sollen zum einen das gesamte Portfolio des jeweiligen Verlags für die Angehörigen der DEAL-Mitglieder öffnen; zum anderen sollen künftig alle Publikationen in Deutschland Forschender frei verfügbar (open access) sein. Bisher ist es DEAL gelungen, eine solche Lizenz mit Wiley zu vereinbaren; mit Springer laufen die Verhandlungen noch. Elsevier hingegen zeigt sich wenig kooperationsbereit, was letztes Jahr zu einem Abbruch der Verhandlungen führte. Passenderweise ist Elsevier auch der größte und kontroverseste der Großverlage; obwohl die inhaltlichen Beiträge zu den hinter seinen Paywalls verborgenen Publikationen unentgeltlich erbracht werden (durch Autor*innen, Herausgeber*innen und Gutachter*innen), erfreut sich Elsevier einer Gewinnquote im Bereich von 35–40%.

Aufgrund dieser Gemengelage entschieden sich in letzter Zeit viele Forscher*innen in Deutschland (und in Schweden, wo eine ähnliche Situation vorherrscht), als Herausgeber*innen von Elsevier-Zeitschriften zurückzutreten, wozu DEAL bzw. die deutsche Hochschulrektorenkonferenz explizit aufgerufen haben; oder für diese Zeitschriften keine Gutachten mehr zu schreiben; oder keine Manuskripte mehr bei ihnen einzureichen. Da ich kein Herausgeber bin, entschied ich mich, Elsevier zumindest als Autor und Gutachter zu boykottieren – das letzte Gutachten für eine Elsevier-Zeitschrift schrieb ich im August 2018. Seitdem begutachte ich deutlich weniger Artikel als vorher. Das hängt auch damit zusammen, dass die meisten meiner Publikationen bei Elsevier erschienen sind; die letzten vier seit Juli 2018 allerdings auch nicht mehr (das letzte Mal bei Elsevier etwas eingereicht habe ich im September 2017).

Nun ist es gar nicht so einfach, um Elsevier herum zu „navigieren“. Viele für mich relevante Zeitschriften sind dort beheimatet (z. B. Ecological Economics, Ecosystem Services, Journal of Cleaner Production, Food Policy, Land Use Policy). Bisher war es mir gelungen, für neue Manuskripte Alternativen zu finden. Doch gerade finalisiere ich mit einer kleinen Gruppe von Ko-Autor*innen ein Paper, das ich aller Voraussicht nach bei einer Elsevier-Zeitschrift einreichen werde (und zwar Land Use Policy). Dies hat zwei Gründe: zum einen ist es schlicht die Zeitschrift, die zu unserem Beitrag mit Abstand am besten passt. Es gäbe zwar Alternativen, aber die Passfähigkeit zu Land Use Policy ist offensichtlich, was auf die Alternativen so nicht zutrifft. Zum anderen, und das ist der gewichtigere Grund, bin ich Nachwuchswissenschaftler. Um im Wissenschaftsbetrieb zu bleiben, muss ich nicht nur darauf achten, DASS ich publiziere, sondern auch, WO ich publiziere. Was das Renomee in der für mich relevanten Community anbetrifft, schlägt Land Use Policy die verfügbaren Alternativen ganz klar. Und da dies eine für mein Forschungsprofil wichtige Publikation werden dürfte, muss ich das bei meiner Entscheidung im besonderen Maße berücksichtigen. Ich mag Elsevier nicht, werde mich abgesehen von dem einen Paper weiterhin am Boykott beteiligen (allerdings würde ich wohl konsequenterweise 1–2 Peer-Review-Anfragen von Land Use Policy annehmen) – aber mein Boykott durchziehen kann ich wohl nicht, ohne mir selbst ins Knie zu schießen.

Womit wir bei dem Punkt angekommen wären, den ich in diesem Beitrag herausstellen möchte – beispielhaft für den Kontext wissenschaftlichen Publizierens, aber er ist eigentlich von deutlich generellerer Bedeutung. Viele herausragende gesellschaftliche Herausforderungen, zu denen Open Science definitiv gehört, erfordern koordinierter kollektiver Lösungsansätze. Die Schwäche von Boykotts und ähnlichen Lösungen – so löblich sie sind und so moralisch „richtig“ sie sich anfühlen – ist, dass sie nicht bindend sind. Man beteiligt sich an ihnen, oder eben nicht. Manche beteiligen sich nicht an ihnen, weil sie nicht wollen – manchen Wissenschaftler*innen ist es egal, wie hoch die von Elsevier abgeschöpften Renten sind; Andere finden, dass es trotzdem Gründe gibt, die für das Festhalten an dem alten paywall-basierten Modell gibt. Ähnlich verhält es sich mit Flugreisen (trotz #flyingless), dem Konsum nachhaltig erzeugter Lebensmittel oder der Schulwahl. Doch selbst denjenigen, die wie ich, der ich nun erwäge, ein Manuskript bei Elsevier einzureichen, und der ich kürzlich zu einer Konferenz nach Finnland geflogen bin, versuchen, mit ihrem individuellen Handeln zur Verbesserung der Lage beizutragen, fällt es oft schwer. Manchmal ist es Bequemlichkeit, viel häufiger schwere Abwägungen und soziale Dilemmata. Individuelles Handeln ist gut zur Beruhigung des Gewissens und kann in manchen Fällen (wie manch erfolgreiche Boykotts zeigen) zum Katalysator für den Wandel werden. Doch der Wandel muss institutionalisiert werden; kollektive Lösungen sind unumgänglich. Ohne DEAL und ähnliche Initiativen, die z. B. versuchen, das Wissenschaftssystem von der Fetischisierung von h-Indizes und Impact Factors und der Überbetonung von Teilnahmen an Übersee-Konferenzen abzubringen, wäre mein Boykott nicht zielführend – und womöglich sogar schädlich für meine wissenschaftliche Karriere. Um große gesellschaftliche Probleme zu lösen, müssen wir uns gemeinsam und gegenseitig binden – durch Institutionen, d. h. Gesetze, Regeln, Normen, Verträge etc. Das gilt für wissenschaftliches Publizieren genauso wie für den Klimawandel, Artenschutz, nachhaltige Landwirtschaft und Bekämpfung von Rassismus.

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