To be or not to be: Möchtegern-kreative Titel wissenschaftlicher Artikel

Vor mehr als drei Jahren wies ich hier darauf hin, wie kreativ manche Wissenschaftler*innen bei der Formulierung von Artikeltiteln sind. Doch sind das leider seltene Ausnahmen – in den meisten Fällen sind die Titel wissenschaftlicher Publikationen entweder trocken und dröge, oder aber möchtegern-kreativ. Letzere greifen auf mitunter völlig abgedroschene Phrasen zurück, und um diese soll es heute gehen.

Selbstverständlich bin ich weder der erste noch der einzige Mensch, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Verweise auf einige andere Beispiele, einschließlich einer Publikation, die sich mit der Verwendung literarischer Phrasen in Titeln in medizinischer Fachliteratur befasst, findet man in diesem Twitter-Thread:

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Ich für meinen Teil habe mich, mithilfe freundlicher Twitter-Nutzer*innen, auf die Suche nach besonders verbreiteten Phrasen in Titeln wissenschaftlicher Artikel gemacht. Hier ist eine vorläufige Liste, in der ich laufend weitere Phrasen ergänzen werde. Die Artikelzahlen basieren auf der Datenbank Scopus.

  1. …revisited (50.178 Artikel)
  2. state of the art (27.322)
  3. rethinking… (16.732)
  4. to … or not to … (10.975) [Spezialfall: to be or not to be (1249)]
  5. cutting edge (4792)
  6. a tale of two… (4490)
  7. paradigm shift (4233)
  8. gold standard (3037)
  9. what’s/what is in a name (2367)
  10. the dark side of… (1809)
  11. the good, the bad, and… (1727)
  12. size matters / does size matter (1646)
  13. …in a changing world (1535)
  14. shades of… (1430)
  15. mind the gap (1188)
  16. lost in translation (1124)
  17. in space and time (1117)
  18. outside the box (787)
  19. wind/s of change (720)
  20. the ABCs of… (615)
  21. best of both worlds (597)
  22. of mice and men (562)
  23. bird’s eye view (552)
  24. elephant in the room (517)
  25. it’s the … stupid (277)
  26. it takes two to tango (253)
  27. pride and prejudice (253)

To be continued… [Stand: 28.03.2019]

Was lernt man daraus? Dass es mit Titeln wie mit Witzen ist – sie sind nur dann lustig/spannend/Aufmerksamkeit erregend, wenn sie einen gewissen Neuigkeitswert haben. Bei zu häufiger Verwendung erfüllen sie den Zweck solch „kreativer“ Titel nicht mehr – nämlich, die Leserin gespannt zu machen, was sich denn hinter dem Titel verbirgt. Die zweite Einsicht: auch literarische Kreativität gehört nicht unbedingt zu den Eigenschaften, die eine gute Wissenschaftlerin ausmachen.

P.S. Eine dieser Phrasen findet man in einem Artikel, dessen Ko-Autor ich bin. Guilty as charged. Auf die Idee, die obige Liste zu erstellen, kam ich übrigens, als ich irgendwo auf den Hinweis stieß, wie häufig „mind the gap“ in Titeln vorkommt. Und da ich gerade daran dachte, einen eigenen Artikel mit „The best of both worlds“ zu betiteln, wurde ich neugierig…

Lizenz: CC BY-SA 2.0 Edgar Jiménez / Quelle

2 Kommentare zu „To be or not to be: Möchtegern-kreative Titel wissenschaftlicher Artikel

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