Wie Elsevier meine Publons-Statistik kaputt macht

Vor einer Weile beschlossen deutsche Hochschulen und Forschungsinstitutionen, dass es nicht angeht, dass Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung sich hinter Paywalls verstecken; sowie dass gegen die Marktmacht der großen Wissenschaftsverlage (allen voran Elsevier) irgendwas getan werden muss. Also wurde DEAL gegründet: ein Verbund deutscher Wissenschaftsorganisationen, der in Verhandlungen mit den drei Großverlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley getreten ist, um einheitliche, faire Bedingungen für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen zu erreichen. Während Spinger und Wiley sich sofort kooperativ zeigten, sperrt Elsevier, der größte und berüchtigste Wissenschaftsverlag der Welt, sich konsequent.

Das Hauptziel von DEAL ist jeweils eine Lizenz mit jedem der Verlage, die für alle teilnehmenden Einrichtungen gilt (und das sind mehrere Hundert deutsche Universitäten, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Staats- und Regionalbibliotheken) und folgende Bedingungen beinhaltet:

  • Die DEAL-Einrichtungen haben dauerhaften Volltextzugriff auf das gesamte Titel-Portfolio (E-Journals) der ausgewählten Verlage.
  • Alle Publikationen von Autorinnen und Autoren aus deutschen Einrichtungen werden automatisch Open Access geschaltet (CC-BY, inkl. Peer Review).
  • Angemessene Bepreisung nach einem einfachen, zukunftsorientierten Berechnungsmodell, das sich am Publikationsaufkommen orientiert.

Mit anderen Worten: es geht darum, dass an deutschen Wissenschaftseinrichtungen generierte, steuerfinanzierte Forschungsergebnisse öffentlich zugänglich sind, ohne Paywall. Die Kosten, die den Verlagen dabei entstehen (ca. 2000€ pro Artikel), würden natürlich, wie bei Open-Access-Journals üblich, pro publizierten Artikel entgolten, allerdings ohne die riesigen Margen, die Elsevier & Co. nach dem bisherigen Modell abschöpfen. Hier eine einfache Rechnung von der UFZ-Bibliothek anhand des Journals Water Research:

  • Jahresabo 2018: 7.350€
  • Open-Access: 3.200€ pro Artikel
  • Hypothetische Kosten bei bisher 10 veröffentlichten Artikeln 2018: 39.350€ [in Wirklichkeit wurden diese ohne Open-Access-Option veröffentlicht]
  • Hypothetische Kosten beim geforderten Modell: 20.000€.

Der Aufschlag beträgt saftige 96,7%! Natürlich sind die 2.000€/Artikel nicht in Stein gemeißelt. Bei reinen Open-Access-Journals wie bspw. denen von MDPI oder Frontiers schwanken die Preise mitunter beträchtlich – sie liegen meist zwischen 1.000 und 3.000€, sodass 2.000€ immerhin als vernünftiger Mittelwert betrachtet werden kann, zumal die Leistungen von Elsevier nicht gerade berauschender Qualität sind.

Nichtsdestotrotz weigert sich Elsevier bisher, ein finanzierbares Angebot vorzulegen, dass die oben genannten Bedingungen erfüllt. Die Verhandlungen dauern bereits seit ca. 1,5 Jahren; DEAL versuchte in dieser Zeit schon mehrere Strategien der Druckausübung. Bereits letztes Jahr, als Elseviers Kompromissunwillen anfing sich abzuzeichnen, rief die Hochschulrektorenkonferenz (die organisatorisch hinter DEAL steht) deutsche Wissenschaftler*innen dazu auf, ehrenamtliche Herausgeberschaften bei Elsevier-Zeitschriften niederzulegen sowie zu erwägen, bei eigenen Publikationen auf Journals anderer Verlage auszuweichen bzw. bei Peer-Review-Anfragen über Absagen nachzudenken. Im Laufe des Jahres ließen viele Bibliotheken ihre individuellen Lizenz-Verträge mit Elsevier ohne Verlängerung auslaufen. Der Verlag gewährte ihnen für die Zeit der Verhandlungen einen fortgesetzten „Zugang auf Kulanzbasis“. Zur Annäherung kam es trotzdem nicht. Letzte Woche wurden die Verhandlungen nun vonseiten DEAL abgebrochen, woraufhin Elsevier mit der Kappung der Zugänge zu 2018 erschienenen Publikationen begann. Die Interpretation des Verlags erfährt man, wenn man auf einen Link klickt, der seit letzter Woche erscheint, wenn man über eine der betroffenen Institutionen einen Elsevier-Artikel aufruft (s. Screenshot unten):

At Elsevier, we’re committed to reaching a national agreement with Project DEAL and finding a sustainable solution in support of German research and its open access ambitions.

As a service provider, we work with the research community to understand their objectives and help them reach their goals in a way that is satisfactory to them from a content, service and economic perspective. Research institutions in some countries prefer to publish using an author-pays, open access model, while others prefer to publish for free and recoup expenses from the reader. Elsevier respects both preferences and offers both options to its users. With our German partners, we acknowledge their strong preference for an open access model.

Project DEAL and Elsevier agreed that the so-called Publish-and-Read model can play an important role in a transition towards open access. We also agreed that encouraging the transition to this model in Germany would be the basis for the national negotiations between Project DEAL and Elsevier. Moreover, there was agreement to work together to significantly accelerate the transition to open access in Germany. Despite those agreements and an attractive offer from Elsevier, Project DEAL and Elsevier were unable to agree an interim solution bridging the time needed to conclude negotiations for a national agreement.

Some German institutions decided not to renew individual contracts with Elsevier in anticipation of a national license. While Elsevier has maintained access for those institutions awaiting progress in the DEAL negotiations, we are now contacting those institutions to confirm their service requirements going forward.

We remain open to constructive talks to find a sustainable national solution in support of German research.

Capture

Elsevier informiert über gekappten Zugang nach Abbruch der DEAL-Verhandlungen [Screenshot vom 16. Juli 2018].

Infolge des (aller Voraussicht nach temporären) Verhandlungsabbruchs rief die Hochschulrektorenkonferenz erneut dazu auf, von Publikationen bei Elsevier-Zeitschriften und Zusagen zu Peer-Review-Anfragen seitens ebendieser abzusehen. Da Elsevier einen großen Teil des Marktes kontrolliert, gerade bei einflussreichen Zeitschriften, ist dies alles andere als einfach (siehe hier und hier). Hinzu kommt, dass gerade Peer-Review vor allem eine (ehrenamtliche bzw. implizit durch den jeweiligen Arbeitsvertrag entgoltene) Leistung an andere Wissenschaftler*innen ist, die für die Qualität der Wissenschaft enorm wichtig ist. Als Nachwuchswissenschaftlerin steht man also vor dem Dilemma, ob man für die eigenen Publikationen Elsevier-Zeitschriften ausschließt (je nach Forschungsfeld ggf. mit negativen Konsequenzen für sich selbst); und jede Wissenschaftlerin muss sich fragen, ob es anderen Wissenschaftler*innen gegenüber in Ordnung ist, Peer-Review-Anfragen für deren Manuskripte abzulehnen, um auf Elsevier Druck auszuüben. Zumal dieser Druck sich erst bemerkbar machen wird, wenn sich viele Wissenschaftler*innen an dem Boykott über einen längeren Zeitraum beteiligen – das dürfte nämlich für die betreffenden Zeitschriften (und damit auch Elsevier) aufgrund verlängerter Bearbeitungszeiten einen Renommée-Einbruch bedeuten.

Ich für meinen Teil entschied mich, mich an dem Boykott zu beteiligen. Ich habe noch zwei Manuskripte, die bei Elsevier-Zeitschriften in Begutachtung sind – diese werde ich nicht zurückziehen. Aber ich habe vor, erstmal auf weitere Einreichungen bei Ecological Economics, Journal of Cleaner Production oder Ecosystem Services zu verzichten (side note: von meinen bisherigen 15 peer-reviewten Publikationen sind 11 bei Elsevier erschienen); und heute habe ich erstmals eine Peer-Review-Anfrage mit der Begründung abgelehnt, dass ich zzt. für Elsevier-Zeitschriften als Gutachter nicht zur Verfügung stehe (auch hier: Elsevier-Zeitschriften dominieren bisher meine Publons-Statistik). Wir werden sehen, wer den längeren Atem hat. In meinem Umfeld scheinen jedenfalls die meisten Kolleg*innen die DEAL-Ziele und auch die Mittel zu unterstützen.

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