Degrowth, Landwirtschaft und GMOs

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich versprochen, hin und wieder aus der eigenen Forschung zu berichten. Gerade bietet sich die erste Gelegenheit: ich habe die schnellste Publikation meiner Karriere veröffentlicht bekommen. Und das auch noch zu einem interessanten Thema.

Kurz zur Geschichte: vor einer Weile hat einer meiner vielen Alerts (Sammelbenachrichtigungen über Publikationen einer bestimmten Zeitschrift oder zu einem bestimmten Thema) einen interessant klingenden Artikel herangespült – Agriculture and degrowth: State of the art and assessment of organic and biotechbased agriculture from a degrowth perspective, geschrieben von einem gewissen Tiziano Gomiero. Da ich mich schon länger nebenbei mit Degrowth beschäftige, nicht ganz so lange ebenso nebenbei mit Gentechnik, und seit Anfang des Jahres „hauptberuflich“ auch mit Landwirtschaft, war ich natürlich sehr gespannt darauf, was Gomiero zu dieser Konstellation zu sagen hat. Es hat zwar ein paar Wochen gedauert, bis ich dazu kam, mir das Paper anzusehen – aber danach ging alles sehr schnell. Es fiel mir auf, dass Herr Gomiero zwar einen angenehm differenzierten Blick auf das Thema „Bio-Landwirtschaft als Postwachstums-/Degrowth-kompatible Landwirtschaft“ hat (dazu gleich etwas detaillierter), aber sein Blick auf grüne Gentechnik ist alles andere als differenziert. Also beschloss ich kurzerhand – als erklärter Anhänger der „Art of the reply“ – eine Replik zu schreiben. Dies ging relativ zügig, am 6. September war das kurze Paper dann beim Journal of Cleaner Production (das trotz des eher seltsamen Namens eine gute Zeitschrift ist) eingereicht. Zu meiner Überraschung entdeckte ich bereits zwei Tage später eine Nachricht von der Editorin in meinem Postfach: meine Replik wurde zur Veröffentlichung angenommen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals eine Publikation so schnell veröffentlicht bekommen würde – selbst eine Replik, die nur als sog. Letter to the Editor klassifiziert wird und daher leichter „durch zu kriegen“ ist.

Nun aber zum Inhalt. Was ich an Gomieros Artikel gut fand, war seine nüchterne Analyse der Möglichkeiten und Grenzen kleinskaliger, lokaler Bio-Landwirtschaft – die vielen Degrowth-Aktivisten und -Forschern vorzuschweben scheint als der nachhaltige Modus der Nahrungsproduktion. Gomiero räumt mit diesem romantisierenden Bild in zweierlei Hinsicht auf – zum einen zeigt er u. a. am Beispiel Deutschlands, dass die hiesige Bevölkerung nach dem jetzigen Stand der landwirtschaftlichen Produktivität durch Bio-Landwirtschaft nicht ernährt werden könnte. Selbst wenn wir annehmen, dass gar keine Nutztiere Futtermittel beanspruchen würden (eine unrealistische Annahme, weil man gerade in der Bio-Landwirtschaft auf Naturdünger kaum verzichten kann) sowie dass keine Lebensmittel verschwendet werden – angesichts der aktuellen empirischen Befunde eine sehr unrealistische Annahme. Diese und ähnliche grobe Berechnungen zeigen, dass zumindest eine rein subsistenzorientierte, autarke Bio-Landwirtschaft gerade im dicht besiedelten Europa nicht funktionieren kann. Zum anderen betont Gomiero aber auch, dass heutige Bio-Landwirtschaft von diesem romantisierenden Bild weit entfernt ist – auch hier gibt es nämlich viele maschinisierte Großbetriebe mit nur wenigen Arbeitsplätzen. Auch das scheint im Degrowth-Diskurs bisher nicht so klar zu sein. Last but not least geht Gomiero auch kurz auf die alte, gute Bevölkerungsfrage ein, und deutet auch hier darauf hin, dass die romantisierte kleinskalige Landwirtschaft sehr arbeitsintensiv ist und daher nicht wirklich vereinbar mit den Überbevölkerungsängsten vieler Degrowth-Denker.

Mit dem Hauptteil des Artikels von Gomiero hatte ich jedoch meine Probleme – daher auch die Replik. In diesem vergleicht er zwei stilisierte Modi der Landwirtschaft (organic agriculture und biotech-based agriculture) hinsichtlich ihrer Kompatibilität mit Degrowth anhand zweier in diesem Kontext populärer Kriterien: Ernst Schumachers appropriate technology und Ivan Illichs Konvivialität. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Kriterien selbst eingehen – in meiner Replik habe ich versucht zu zeigen, dass Gomieros Umgang mit ihnen inkonsistent ist. Ein viel gewichtigeres Problem resultiert jedoch bereits aus der Definition der beiden zu vergleichenden Landwirtschafts-Modi. Auf der einen Seite haben wir Bio-Landwirtschaft, ein mehrdimensionales, vielschichtiges Gebilde, dessen Bild wie bereits oben angemerkt durchaus differenziert ist, was die Analyse dieser Seite durchaus interessant macht. Auf der anderen Seite haben wir die ominöse biotech-based agriculture, die explizit lediglich dadurch definiert wird, dass dort gentechnisch modifizierte Pflanzen (GMOs) eingesetzt werden. Implizit verbindet Gomiero damit alles, was an Landwirtschaft problematisch ist – Monokulturen, Großbetriebe, oligopolistisch organisierte Saatgutmärkte… Bereits aufgrund der Definition muss die biotech-based agriculture schlecht abschneiden, wenn sie nach beliebigen Kriterien hinsichtlich ihrer Degrowth-Kompatibilität untersucht wird.

Man muss Gomiero natürlich insofern recht geben, als GMOs bisher und vorwiegend (obwohl mitnichten ausschließlich) unter solchen Bedingungen eingesetzt werden, wie er sie unterstellt. Allerdings übersieht, ja ignoriert er mindestens zweierlei: erstens, dass GMOs grundsätzlich nicht mit einer bestimmten Art Landwirtschaft einhergehen müssen, ein Punkt, den Pamela Ronald und Raoul Adamchak in ihrem wunderbaren Buch Tomorrow’s Table (welches Gomiero mehrfach zitiert!) betonten. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, warum durch Biotechnologie kreierte Sorten nicht unter Anbaustandards einer Bio-Landwirtschaft eingesetzt werden könnten. Zweitens wird dieser Punkt durch aktuelle Entwicklungen, allen voran den rasanten Aufstieg von CRISPR/Cas Genome Editing, noch einmal verstärkt. Im Gegensatz zu den alten Gentechnologien, auf die Gomiero sich fokussiert (und die inzwischen in der Forschung und Entwicklung kaum noch relevant sind), hat CRISPR/Cas mehrere interessante Eigenschaften: es ist enorm präzise, sehr kostengünstig und vergleichsweise leicht anzuwenden, und es wurde an öffentlichen Institutionen entwickelt. All dies relativiert viele Kritikpunkte von Gentechnik-Gegnern (es kreiert auch neue Probleme, denn CRISPR/Cas stellt die aktuelle GMO-Gesetzgebung vor Herausforderungen;1 dies hat aber mit der Kompatibilität mit Degrowth erstmal nichts zu tun) und führt gar dazu, dass der erklärte Befürworter von Bio-Landwirtschaft und bisherige Gentechnik-Gegner Urs Niggli sich für den Einsatz von CRISPR/Cas-Produkten in der Bio-Landwirtschaft einsetzt. Das besonders interessante ist, dass CRISPR/Cas plötzlich Cisgenese in den Vordergrund rückt, also die gentechnische Übertragung von Gensequenzen zwischen verwandten bzw. sexuell kompatiblen Arten – eine Option, die Gomiero überhaupt nicht betrachtet. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Ablehnung gegenüber cisgenen Pflanzen deutlich geringer ist als gegenüber den üblichen transgenen Pflanzen.

Es geht mir dabei nicht darum, dass die Degrowth-Bewegung grüne Gentechnik in ihr „politisches Programm“ aufnehmen sollte – mir ist bewusst, dass viele Menschen mit ihr aus legitimen ethischen Gründen weiterhin ein Problem haben (dazu siehe dieses sehr interessante Paper sowie das in der Fußnote erwähnte Buchkapitel), auch wenn ich persönlich sie für unproblematisch halte. Außerdem bleibt das große Eigentumsrechte-Problem weiterhin bestehen, denn bisher sind Gentechnik-Produkte grundsätzlich patentierbar (weswegen um CRISPR/Cas ein Patent-Streit tobt). Die Welternährung wird Gentechnik allein definitiv auch nicht lösen. Dennoch wehre ich mich dezidiert gegen eine einseitige Darstellung grüner Gentechnik und ihre unverhältnismäßige Dämonisierung – manchmal tue ich das einfach hier auf dem Blog, manchmal klappt es eben mit einer Replik in einer Fachzeitschrift.

Degrowth, organic agriculture and GMOs: A reply to Gomiero (2017, JCLEPRO) befindet sich hier (hinter Paywall); die noch unformatierte Version kann hier heruntergeladen werden; bis 8. November kann man die final formatierte Version hier kostenlos herunterladen.

Fußnoten

    1. Dazu schreibe ich mit drei Kolleg*innen gerade an einem Buchkapitel, das vermutlich nächstes Jahr erscheinen wird (in Harvey James’ Ethical Tensions from New Technology: The Case of Agricultural Biotechnology).

 

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