Pascal’sche Wette um freien statt um Gottes Willen

Ist das, was wir tun, Resultat freier, autonomer Entscheidungen? Oder tun wir einfach das, worauf wir biologisch programmiert sind? Sind das überhaupt einander ausschließende Alternativen? So oder so ähnlich kann man eines der kompliziertesten (und vermutlich auch müßigsten) Probleme der Philosophie formulieren – die Frage nach dem freien Willen bzw. das Determinismus-Problem.

Praktisch die gesamte Ethik geht davon aus, dass Menschen über einen freien Willen verfügen – eine Handlung kann nur gut oder böse, moralisch richtig oder falsch sein, wenn der Akteur die Möglichkeit hat, sie nicht auszuführen, d. h. anders zu handeln. Mit anderen Worten: Sollen setzt Können voraus. Dies ist nachfolgend auch die Grundlage des formalisierten Rechts – daher auch das Konzept der Unzurechnungsfähigkeit, der Unfähigkeit also, aus freien Stücken anders zu handeln, als man gehandelt hat. Doch das Recht kann nur funktionieren, wenn Unzurechnungsfähigkeit eine Ausnahme darstellt, d. h. wenn wir in der Regel über einen freien Willen verfügen. Dies klingt banal – üblicherweise gehen wir davon aus, dass wir autonome, freie Wesen sind, und so handeln, wie wir handeln wollen. Doch Philosophen lieben es bekanntlich, sich mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten auseinanderzusetzen, sie zu kritisieren, ihre trügerische Natur zu entlarven. So auch im Falle des freien Willens. Insbesondere die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaft befeuern solche Auseinandersetzungen – denn einige Experimente scheinen zu zeigen, dass wir in unseren Entscheidungen gar nicht so frei sind, wie wir üblicherweise glauben. So kann man bspw. Gehirnprozesse beobachten, die den Beginn einer Handlung darstellen, die aber ansetzen, noch bevor wir uns der betreffenden Handlung bewusst werden (d. h. uns zu ihr entscheiden). Einige ziehen daraus den Schluss, dass der freie Wille eine Illusion ist, und wir in Wirklichkeit so handeln, wie es unsere Biologie diktiert; mit anderen Worten: wenn wir perfektes Wissen über den Ausgangszustand des Organismus einer Person und über die sie umgebende Umwelt besäßen, könnten wir ihre darauffolgenden Handlungen perfekt voraussagen. Eine solche Sicht bezeichnet man als Determinismus. Ob Determinismus bedeutet, dass wir keinen freien Willen haben, ist umstritten – sog. Kompatibilisten sind der Meinung, dass Determinismus und freier Wille sich nicht ausschließen. So argumentiert bspw. der deutsche Neuropsychologe Lutz Jäncke in seinem Buch Ist das Hirn vernünfig?, dass die Tatsache, dass bestimmte unbewusste Prozesse, die zu einer Handlung führen, ansetzen, bevor wir die Entscheidung bewusst treffen (und die Entscheidung daher „vorwegnehmen“), noch nicht bedeutet, dass wir nicht von einem freien Willen sprechen könnten. Denn diese unbewussten Prozesse passieren in unserem Gehirn, das nach dem heutigen Stand des Wissens die einzige Entität ist, in der sich der freie Wille und unser Bewusstsein „befinden“ kann (anders als es bspw. Descartes dachte) – diese unbewussten, früh ansetzenden Prozesse seien so als Teil des bewussten, dem freien Willen entspringenden Denken anzusehen.

Klingt kompliziert? Ich muss gestehen, dass ich bei der Betrachtung des Problems des freien Willens immer wieder an die Grenzen meiner Vorstellungskraft bzw. meiner kognitiven Kapazitäten generell gestoßen bin. Es ist mir bisher nicht gelungen, es wirklich zu erfassen. Doch scheint es wichtig, das Problem zu verstehen – denn seine Lösung kann weitreichende Konsequenzen haben. Falls der freie Wille Illusion ist – kann man dann noch von ethischer oder rechtlicher Verantwortung der Einzelnen für ihre Taten sprechen? Wenn wir nicht anders handeln können, als wir handeln, macht es dann weiterhin Sinn, dass wir für Vergehen oder Verbrechen rechtlich belangt werden? Oder sind wir vielleicht alle kollektiv als unzurechnungsfähig zu betrachten? Dagegen rebelliert der „gesunde Menschenverstand“ – doch das wäre eine zwar radikale, aber durchaus logische Konsequenz völligen Determinismus. Doch können wir überhaupt wissen, ob wir über einen freien Willen verfügen? Wie können wir das empirisch testen?

Meine Intuition ist: man kann das Problem nicht lösen. Wir können nicht wissen, ob wir über einen freien Willen verfügen. Das hat Ähnlichkeit mit einem anderen alten philosophischen Problem: der Frage nach der Existenz Gottes. Auch hier ist eine verbreitete Position (der Agnostizismus): wir können nicht wissen, ob es Gott gibt oder nicht. Diese Ähnlichkeit liefert auch eine potentielle Lösung für die Frage nach dem Umgang mit der Unsicherheit (bzw. Unmöglichkeit des Wissens um die Antwort) bezüglich des freien Willens – diese kann man finden, indem man die Logik der sog. Pascal’schen Wette auf unser Problem überträgt.

398px-Pascal_Pajou_Louvre_RF2981Die Pascal’sche Wette ist eine Antwort auf die Frage, wie man mit dem Problem der Existenz Gottes umgehen sollte. Blaise Pascals Ausgangsfrage war dabei folgende: Sollte ich an Gott glauben? Die von ihm gegebene Antwort – die berühmte Pascal’sche Wette eben – kann man recht einfach in der Sprache der Spieltheorie ausdrücken. Pascal, der nicht weiß, ob es Gott gibt oder nicht, hat zwei Handlungsoptionen („Strategien“): entweder er glaubt an Gott oder er glaubt nicht an ihn. Die Welt, mit der er „spielt“, hat ihrerseits zwei „Optionen“: entweder es gibt Gott oder es gibt ihn nicht. Kombiniert man die Handlungsoptionen mit den beiden möglichen Weltzuständen (unter der Annahme, dass es genauso wahrscheinlich ist, dass Gott existiert, wie dass er nicht existiert), erhält man vier mögliche „Auszahlungen“ bzw. Szenarien:

Gott

existiert existiert nicht

Pascal

glaubt Himmel 0
glaubt nicht Hölle 0

Es ist leicht ersichtlich, dass die Strategie „glauben“ dominiert: falls es Gott gibt, ist es definitiv besser für Pascal, zu glauben; falls es ihn nicht gibt, sind die beiden Strategien gleichwertig, denn es schadet nicht, zu glauben (so zumindest Pascal).

Das Kernproblem der Pascal’schen Wette, das z. B. Jon Elster in seinem Buch Sour Grapes diskutiert, ist die absurde Annahme, man könnte entscheiden, ob man an etwas glaubt oder nicht. Es geht dabei nicht um Determinismus und freien Willen, sondern um die schlichte Feststellung, dass Glauben definitorisch nicht Resultat einer Willensentscheidung ist, genausowenig wie übrigens auch Liebe. Entweder man glaubt oder man glaubt nicht; man liebt jemanden oder man liebt sie/ihn nicht. Man entscheidet sich nicht dazu. Wäre die Entscheidung hier logisch möglich, wäre die Pascal’sche Wette als Lösung des Problems der Unsicherheit über Gottes Existenz zwar immer noch nicht zwangsläufig gerettet – so lässt es sich bspw. streiten, ob die Strategie „Glauben“ angesichts von Nichtexistenz Gottes wirklich harmlos ist; oder man könnte die stille Annahme hinterfragen, dass es irrelevant ist, an welchen Gott man glaubt. Doch Elsters Argument, nämlich dass Glauben nicht durch intendiertes Handeln erreicht werden kann, macht Pascals Logik zunichte, noch bevor sie sich entfalten konnte.

Wie kann man nun die Logik der Pascal’schen Wette auf das Problem des freien Willens anwenden? Es hat eine ähnliche Struktur, wie das Problem, auf das Pascal eine Antwort suchte – wir haben zwei potentielle Weltzustände: in dem einen ist freier Wille eine Illusion, es ist die Welt vollkommenen Determinismus; in dem anderen verfügen wir über einen freien Willen. Und wir haben zwei potentielle Strategien: wir können uns so verhalten, wie bisher, d. h. implizit oder explizit annehmen, wir hätten einen freien Willen, und Menschen für Vergehen und Verbrechen weiterhin bestrafen bzw. ihnen generell Verantwortung für ihre Taten zuschreiben. Oder wir können von all dem absehen, in der Annahme, dass es egal ist, denn freien Willen und damit Verantwortung und damit Ethik gibt es nicht. In der Welt des freien Willens spricht alles für die erste Strategie – die zweite wäre eindeutig unmoralisch und eine ethische Katastrophe. In der Welt des Determinismus… nun ja, zuallererst scheint es inkonsistent, Verhaltensänderungen (Absehen von Bestrafung) in einer deterministischen Welt überhaupt zu erwarten. Denn warum sollte es zu ihnen kommen? Es sei denn, auch unsere Erkenntnis, dass die Welt deterministisch ist, und die daraus folgende „Entscheidung“, unsere gesellschaftlichen Institutionen entsprechend anzupassen, sind vordeterminiert. Also ergeben sie sich von selbst. Falls wir jedoch beim derzeitigen institutionellen Setting, das der Annahme des freien Willens entspringt, verharren – so what? Dies wäre dann auch vordeterminiert. Und ethisch nicht relevant, denn in einer vollkommen deterministischen Welt gibt es keine Ethik.

Mit anderen Worten: das Problem des freien Willens erweist sich am Ende doch als müßig. Denn seine Lösung hat keine Konsequenzen – zumindest keine, die ich erkennen könnte. Falls wir über freien Willen verfügen, ist alles in Ordnung, wie es ist. Falls nicht – ist es egal. Wir müssen gar keine Pascal’sche Wette eingehen – ja, wir können es nicht einmal, denn das würde voraussetzen, dass wir in einer deterministischen Welt uns zwischen zwei Strategien entscheiden könnten.

 

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